handbikemovie - texte zum film

Texte zum Film

 

 
   

Jurybegründung für den großen DIAGONALE-Filmpreis 2004 Die Entscheidung für den Großen Preis der Diagonale 2004 ist für uns, die Jury, ein Plädoyer für Kompromisslosigkeit.

Der Preis geht an einen Film, der mutig, subjektiv, lebendig und keinesfalls Mainstream ist. Unsere Wahl fällt auf »handbikemovie« von Martin Bruch.

»handbikemovie« ist ein radikaler Film. Er ist der pure Blick, die reine Bewegung, die elementare Erzählung. Ein »cinéma brut«, formal stringent, in 56 ungeschnittenen Einstellungen. Durch eine Kamera, die am Helm des Filmemachers befestigt ist, nehmen die Zuschauer an einer gefährlichen, waghalsigen und unmittelbaren Reise teil.

Bruchs provokant monotone Achterbahnfahrt beginnt vor seiner Wiener Haustüre und führt durch das lärmige Verkehrsgewühl von New York, Paris, London und Istanbul.

Ein zerbrechlicher Mann in einem zerbrechlichen Gefährt wird zum Statement: Ich bin, also filme ich, also bin ich.

martin bruch
   
   

Alexander Horwath   Lieber Martin! Vielen Dank fürs Handbikemoviegeschenk. Eine eindrucksvolle Reise, sehr persönlich und direkt, keine künstliche »Handlung«, deshalb auch kein bisschen langweilig. Du hast einen materialistischen Film über Dauer, Bewegung und Anstrengung gemacht. Gutes »Timing«, und zwar nicht nur im Sinn von Rhythmus, sondern im wahrsten Sinn als Zeitwort verstanden: eine Sache zeiten, eine Fahrt fahrzeiten.

in Istanbul

Du hast einen materialistischen Film über Dauer, Be-wegung und Anstrengung gemacht.
 
 

Maya McKechneay  In regelmäßigem Takt tauchen die Bremskabel von Martin Bruchs Handbike – dessen Lenker zugleich als Antriebspedal dient – am unteren Bildrand auf und senken sich wieder. Eine unendlich sich wiederholende Kurbelbewegung, die nicht nur das Fahrzeug, sondern den Film selbst voran zu tragen scheint.

in Vienna

Eine Kurbelbewegung, die den Film voranzutragen scheint.

 

   

Seit 1992, als bei ihm Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, bewegt sich Martin Bruch mit Hilfsmitteln fort. Anfangs auf einem Trittroller, nun, wo dies nicht mehr möglich ist, vorwiegend mit dem Handbike. Zwischen 12/2001 und 12/2002 filmte er seine Fahrten durch Städte und über Land mit einer Helmkamera, deren Bilder und Töne zumindest eine Annäherung an seine eigene Wahrnehmung liefern.

auf der Bosporus-Brücke

Fahrten durch Städte und über Land mit einer Helmkamera.
   

So befinden sich die Zuschauer seines Dokumentarfilms »handbikemovie« inmitten eines Staus auf dem New Yorker Times Square, zwischen Straßenbahn- und PKW-Spuren auf der Wiener Ringstraße oder neben einem Doppeldecker im dichten Verkehr von London. Rings herum vibrieren Motoren, rauschen Reifen auf dem Asphalt, klingt gelegentlich Musik aus den Boxen eines vorbeifahrenden Cabriolets.
Ein anderes Mal steht Bruchs Handbike an einem abschüssigen Rollband, kurbelt los, surrt runter und kriegt gerade so eben noch vor einer Wand die Kurve.

in New York

Rings herum vibrieren Motoren, rauschen Reifen auf dem Asphalt…
   

Keiner der Wege, die Martin Bruch in seinem »handbikemovie« nimmt, ist für ihn, d.h. für ein Fahrzeug wie das seine gemacht. Als Fahrer eines dreirädrigen Handbikes darf er offiziell weder auf Radwegen noch auf Autobahnen unterwegs sein. Indem er diese Wege trotzdem befährt, widersetzt er sich einer, uns mittlerweile selbststverständlich gewordenen Reglementierung des Raums – »Nur für Fußgänger!«, »Nur für Kraftfahrzeuge!« – und macht diese so in ihrer Willkürlichkeit sichtbar. Insofern ist jeder »Streckenabschnitt« des Films zugleich Zeugnis einer subversiven Aktion.

in Hallintirol

Als Fahrer eines Handbikes darf er weder auf Radwegen noch auf Autobahnen unterwegs sein.
   

Ein einziges Mal steht Bruchs Rad auf einer Strecke, die ihm tatsächlich zugewiesen ist: ein Kamerablick zur Seite zeigt die Kollegen, kurz vor dem Start des Wiener Handbike-Rennens. Doch auch hier subvertiert Hauptdarsteller/Regisseur/Kamera- und Tonmann Bruch die Situation, indem er, statt wie die anderen durchzustarten, gemächlich dahinrollt, Bekannte am Streckenrand grüßt und so die Sinnhaftigkeit des Wettbewerbs humorvoll in Frage stellt.

in Vienna

Ein Kamerablick zur Seite zeigt die Kollegen, kurz vor dem Start des Wiener Handbike-Rennens.
   

Formal ist der Dokumentarfilm klar strukturiert:
56 Einstellungen, in harten Schnitten aneinandergereiht, verbunden nur durch die leitmotivische Helmkamera-Subjektive und die kurbelnde Vorwärtsbewegung. Eine konzeptuelle Studie über Dauer, Bewegung, Anstrengung, die so etwas wie eine Narration im klassischen Sinn nicht nötig hat.

in Slovenia

56 Einstellungen, in harten Schnitten aneinandergereiht.

 

 

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